Der Begriff „Klampfenkatholizismus“ ist eine
ironische und kritische Bezeichnung für die Verwendung der Gitarre als
Begleitinstrument für den Gemeindegesang sowie die meist hiermit verbundene liturgische "Bastelmentalität", die zur "Freestyleliturgie" führt. Hierbei muss man aber zwei Ebenen
unterscheiden:
Zum einen ist die Gitarre in größeren Räumen
wie Kirchen nicht unbedingt geeignet zur Begleitung des Gemeindegesangs. Gitarre
wie auch Laute sind eher für die Begleitung einzelner Sänger oder kleinerer
Gruppen angemessen. Hinzu kommt jedoch entscheidend, dass die Gitarre als bewusstes Element einer Desakralisierung eingesetzt wird, was die musikalische
Faktur der von ihr begleiteten Lieder unterstützt. Es entsteht mehr eine „Lagerfeueratmosphäre“
als die einer kultisch-liturgischen Handlung. Die Verwendung der Gitarre in der
Liturgie ist ein Phänomen bzw. ein Relikt der 60er und 70er Jahre, als Protest
gegen eine traditionell orientierte Hochliturgie mitsamt der überkommenen
Kirchenmusik und der Orgel und entspringt so sicher dem Geist der "theologischen 68er".
Zum anderen dürfen aber solche kritischen
Bemerkungen zur Art der liturgischen Verwendung der Gitarre dieses Instrument nicht
generell abwerten, wie es der Terminus „Klampfe“ nahezulegen scheint. Die Gitarre
sowie die ihr verwandte Laute sind Instrumente, die sich hervorragend auch für
anspruchsvolle polyphone Musik eignen und ihre eigene Schönheit entfalten
können. Als kleines Beispiel hier eine Fuge von J. S. Bach:
Ebenso
ist vor allem die Laute ein typisches Continuo-Instrument, das sehr gut für die
Begleitung einer Arie oder Sonate für Soloinstrument geeignet ist. Auch hier ein kleines Beispiel:
Die Beispiele zeigen, dass Gitarre und Laute eine ganz andere Dimension besitzen, als es das Gitarrenspiel in so manchem Jugendgottesdienst erahnen lassen würde. Wenn sich also auch die Gitarre aufgrund ihres eher leiseren Klangs nicht als Begleitinstrument des Gemeindegesangs in einer Kirche eignet, könnte sie in einem Ensemble oder auch zur Begleitung eines Sologesanges, etwas einem Lied aus Bachs Schemelligesangbuch, durchaus Verwendung finden, auch wenn man hier der Orgel als d e m kirchlichen Instrument meist den Vorzug gibt.
Insgesamt muss man aber festhalten, dass die
Art und Weise des "liturgischen Gitarrenspiels" dem Ansehen dieses
Instruments eigentlich erheblich schadet, impliziert man hier doch eher die
"Klampfe" am Lagerfeuer, die man auch mit geringerem Übungsaufwand zu
beherrschen glaubt, wonach es sich in manchem "modernem" Gottesdienst
dann auch anhört. Dies wird aber dem Instrument in keinster Weise gerecht.
Somit scheint die Gitarre auch ein "verkanntes" Musikintrument zu
sein, das seine Funktion als "Katalysator der Desakralisierung" überhaupt
nicht verdient hat.
Das Hochfest
Fronleichnam (von mittelhochdeutsch: vrône lîcham „des Herren Leib“)
wurde erstmals 1246 im Bistum Lüttich gefeiert und 1264 von Papst Urban IV.,
der zuvor Erzdiakon in Lüttich war, durch die Bulle „Transiturus de hoc
mundo“ zum Fest der Gesamtkirche erhoben. Festinhalt ist das feierliche
Gedächtnis der Einsetzung des Altarssakramentes, welches auch am Gründonnerstag
begangen wird, dort allerdings stärker von der bevorstehenden Passion geprägt
und somit verhaltener.
Die Anregung zum
Fronleichnamsfest soll auf eine Vision der später heilig gesprochenen
Augustiner-Chorfrau Juliana von Lüttich im Jahre 1209 zurückgehen. Diese habe
in einer Vision den Mond gesehen, der an einer Stelle verdunkelt war. Christus
habe ihr erklärt, dass der Mond das Kirchenjahr bedeute, der dunkle Fleck aber
das Fehlen eines eigenen Festes des Altarssakraments, auf dessen Einführung sie
hinwirken solle.
Die Gebete und Hymnen
für Messfeier und Stundengebet werden dem großen Theologen Thomas von Aquin
zugeschrieben; viele von ihnen sind auch als deutsche Kirchenlieder bekannt
geworden: Pange lingua (Preise Zunge das Geheimnis), Adoro te devote
(Gottheit tief verborgen) oder die berühmte Sequenz Lauda Sion salvatorem
(Deinem Heiland, Deinem Lehrer).
Mit einer feierlichen
Sakramentsprozession wurde das Fest erstmals im Jahre 1277 in Köln begangen. Danach hat sich dieser Brauch
in ganz Deutschland und auch darüber hinaus ausgebreitet.
Der heutige
Festtag macht uns bewusst, dass wir in all unserem Reden von Gott niemals das
Mysterium Gottes je völlig einholen können. Diese Unbegreiflichkeit Gottes
bringt diese folgende kleine Geschichte zum Ausdruck:
Einst ging
der hl. Augustinus - so wird erzählt - am Meer spazieren und dachte über das
Geheimnis der Dreifaltigkeit nach. Da bemerkte er ein Kind, das mit seinem
kleinen Eimer Wasser aus dem Meer in einen kleinen, abgegrenzten Bereich
schöpfte. „Was machst du da?“ - „Ich möchte das Meer in meinen Teich
schöpfen!“. Da lachte Augustinus: „Das wird dir nie gelingen!“. Da richtete
sich das Kind auf und sagte: „Ich mache es genauso wie du: Du willst mit deinem
kleinen Verstand das unergründliche Geheimnis des dreieinigen Gottes verstehen!“
Gott ist der
immer Größere, der Andere, der sich dem menschlichen Begreifenwollen im letzten immer
wieder entzieht. Menschliche Rede ist raum-zeitlich gebundene Rede, die eine
Welt jenseits dieser irdischen Welt, die Transzendenz, die zeitlose Welt, nur
sehr schwer zum Ausdruck bringen kann. Daher ist religiöse Sprache eine sehr
bilderreiche und poetische Sprache, die im wahrsten Sinne des Wortes
Unanschauliches in die Anschaulichkeit von Symbolen und Bildern überführt.
Auch wenn,
wie uns das Vierte Laterankonzil lehrt, die Unähnlichkeit jeder Aussage über
Gott größer ist als die Ähnlichkeit, ist Gott dennoch im christlichen Glauben
nie nur der ganz Ferne, da er durch die Offenbarung in Jesus Christus mit uns
Menschen in Beziehung tritt. Um es mit den Worten Jochen Kleppers zu sagen:
Und doch bleibt er nicht ferne, ist jedem von
uns nah. Ob er gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah, mag er dich doch
nicht missen in der Geschöpfe Schar, will stündlich von dir wissen und zählt
dir Tag und Jahr.
Es ist diese
Spannung, die den christlichen Glauben zutiefst prägt. Wir können die Gedanken
Gottes nicht nachdenken, wir können ihn selbst nicht begreifen, wir wissen
aber, dass wir Gott als seine Geschöpfe nicht gleichgültig sind, weil er selbst durch die Propheten, dann in Jesus Christus zu uns gesprochen hat. Diese Beziehung zwischen dem unsagbaren großen Gott und dem kleinen Mensch als seinem Geschöpf spiegelt auch Psalm 8 wider:
2Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein
Name auf der ganzen Erde; über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.
3Aus
dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, deinen Gegnern zum
Trotz; deine Feinde und Widersacher müssen verstummen.
4Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger,
Mond und Sterne, die du befestigt:
5Was
ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner
annimmst?
6Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als
Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
7Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das
Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt:
8All die Schafe, Ziegen und Rinder und auch
die wilden Tiere,
9die Vögel des Himmels und die Fische im Meer,
alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.
10Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein
Name auf der ganzen Erde!
Der obige Ausschnitt stammt aus dem Film „True
Confessions“ aus dem Jahre 1981. Man kann über den Zusammenschnitt aus
liturgischer Sicht sicherlich geteilter Meinung sein, da der Eindruck entsteht,
dass auf die Elevation des Kelches ein „Dominus vobiscum“ folgt. Das ist
sicherlich etwas ungeschickt gemacht. Darüber hinaus ist es aber schon sehr
berührend. Und man wird nicht leugnen können, dass dieses „Exzerpt“ die
Schönheit der Formen einer klassischen Liturgie widerspiegelt. Diese ist –
historisch betrachtet – „von dieser Welt“ und gleichzeitig ist sie es auch
nicht…
1. Gegenwärtig befindet sich an nicht
wenigen Orten die katholische Kirchenmusik in einer tiefgehenden Krise. Im
deutschsprachigen Raum scheint die Situation im Vergleich zu Italien,
Frankreich, Spanien u. a. noch akzeptabel zu sein, da es noch eine ganze Reihe
hochqualifizierter Kirchenmusiker gibt, die ihren Dienst mit viel Engagement
und Einsatz verrichten, auch wenn hier Sparmaßnahmen vieles in Frage zu stellen
drohen. In Italien zB., ja sogar in Rom selbst, kann man es häufig beobachten,
dass zwar eine Orgel in der Kirche vorhanden ist, diese aber schweigt. Sie wird
dann gleichsam zu einer Art „Sinnruine“, die den kundigen Kirchenbesucher mit
Trauer und einer leisen Sentimentalität erfüllt. „Sic transit gloria mundi“ –
„So vergeht der Welten Ruhm“ mag man angesichts stummer Orgeln bzw. ihrer
Substitution durch Gitarrenmusik denken.
2. Als Indiz einer Identitätskrise katholischer
Kirchenmusik soll heute das Augenmerk auf einen hiermit eng verbundenen
Problembereich gelegt werden, nämlich die Verwendung moderner
Unterhaltungsmusik in der Liturgie. Dies geschieht längst nicht mehr nur in
eigens abgehaltenen Jugendmessen, sondern auch in „normalen“ Messliturgien
sowie „Großveranstaltungen“, wie zB. bei Katholikentagen, scheint die
Verwendung von „Sacro-Pop“ nahezu unumgänglich zu sein. Auf diese Weise möchte
man vor allem junge Menschen ansprechen, offenbar in der Annahme, dass diese im
Grunde nur noch durch Formen von Pop- und Rockmusik erreichbar sind. Auf den
ersten Blick scheint ein solches Unterfangen durchaus plausibel zu sein.
Unterliegt nicht auch die Kirchenmusik Entwicklungsprozessen? Was man vor 100 oder
50 Jahren für angemessen hielt, muss es nicht mehr in unserer Zeit sein. Hat
denn nicht jede Zeit ihre ganz eigenen Ausdrucksformen? Entspricht die
Verwendung populärer Unterhaltungsmusik nicht sogar der vom Konzil betriebenen
Öffnung zur Welt? Solche oder ähnliche Argumente kann man immer wieder hören,
so dass es notwendig erscheint, sich einmal eingehender mit diesem
Problemkomplex zu beschäftigen.
3. Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen
über das Wesen katholischer Kirchenmusik soll die Tatsache sein, dass nichts in
der Liturgie der Kirche Selbstzweck ist, sondern alles Verweischarakter besitzt.
Die je eigene Schönheit des Kirchengebäudes, die herrlichen Kultgewänder und
heiligen Geräte, der wohlduftende Weihrauch, der Kirchenschmuck und so auch die
Kirchenmusik sind in einen höheren Zusammenhang eingeordnet und haben im
wesentlichen eine zweifache Aufgabe: Zum einen dienen sie der Verherrlichung und
des Lobpreises der unermesslichen Größe und Majestät Gottes und sind somit so
etwas wie eine - natürlich begrenzte - Antwort des Menschen auf die Erfahrung eines
Gottes, der alles menschliche Begreifen um ein vielfaches übersteigt. Zum
anderen wollen diese Dinge den Gläubigen helfen, gleichsam diese materielle
Welt zu übersteigen, alle Erdenschwere hinter sich zu lassen und die Herzen zu
der höheren, geistigen und ewigen Wirklichkeit des Heiligen zu erheben. Dies
könnte man mit dem Churer Theologen und Philosophen Heinrich Reinhardt das
Prinzip der „sacrifera sacralitas“ nennen, eine Atmosphäre der Sakralität, die uns
Menschen eine Erfahrung des Heiligen schenkt, die über diese materielle
Realität hinausweist (http://www.katholik.com/sakral.htm). In der Schönheit und im Glanz der kirchlichen Liturgie spiegelt sich
im Hier und Jetzt ein wenig von der alles überstrahlenden göttlichen Schönheit
wider, die irdische Liturgie ist gleichsam ein Vorkosten der himmlischen
Liturgie und mit dieser also verbunden, wie es besonders in der östlichen Tradition verstanden
wird und wie es auch vom Zweiten Vatikanum in SC 8 formuliert worden ist:
In
der irdischen Liturgie nehmen wir vorauskostend an jener himmlischen Liturgie
teil, die in der heiligen Stadt Jerusalem gefeiert wird, zu der wir pilgernd
unterwegs sind, wo Christus sitzt zur Rechten Gottes, der Diener des Heiligtums
und des wahren Zeltes.
4. Wie aber kann speziell die Kirchenmusik
dies alles erreichen? Sie wirkt auf die Seele des Menschen ein und löst in ihr
Affekte aus, wodurch sie den Menschen bei der Transzendierung des Irdischen unterstützt.
Wie weinte ich bei den Hymnen und Gesängen auf Dich, mächtig bewegt vom
Wohllaut dieser Lieder deiner Kirche. Die Weisen drangen an mein Ohr, und die
Wahrheit flößte sich ins Herz, und inniges Gefühl wallte über: Die Tränen flossen,
und mir war wohl bei ihnen.
So beschreibt Augustinus als mediterraner Mensch
in den Confessiones seine Empfindungen, die in ihm durch den
Kirchengesang in Mailand ausgelöst worden sind. Tiefe Ergriffenheit breitet
sich also im Herzen derer aus, die diese Hymnen hören; es wäre wert, solche
Zeugnisse über die Wirkung der musica sacra durch die Jahrhunderte zu
sammeln, man würde beträchtliches finden. Ganz unterschiedliche Emotionen
können in der Seele geweckt werden, alle aber hingeordnet auf das Heilige und
Ewige. Ein heiliger Ernst, fern aller Zerstreung durch das Irdische soll das
Innere des Menschen erfüllen: Mächtig-brausende Orgeltöne z.B. lassen uns etwas
von der Größe und Majestät Gottes spüren und künden von einer anderen Wirklichkeit,
leisere und ruhige Orgelmusik regt eher zur Meditation und Besinnung an. Der
erhabene Gregorianische Choral in seiner großen Strenge und „trunkenen
Nüchternheit“ zeigt dem Menschen, dass er nun gleichsam die Welt mit ihrer Geschäftigkeit
und Diesseitsorientierung, also alles das, was vor dem Heiligtum ist, verlässt
und den Bereich Gottes betritt, das Heiligtum. Er erinnert uns immer wieder
auch an den Anspruch, den Gott an unser aller Leben stellt, und dem wir so oft
nicht entsprechen. Ähnliches gilt etwa für die erhabene klassische
Vokalpolyphonie eines Palestrina, Orlando di Lasso und für viele andere große
und kleine Meister aller Jahrhunderte.
5. Da es um die Transzendierung des
Menschen geht, dürfte es verständlich sein, dass sich die musica sacra
zB. von der Musik, die man in einem Kaufhaus oder einer Unterhaltungssendung in
Radio und Fernsehen hören kann, unterscheiden muss. Hinzu kommt, dass diese
Musik völlig andere Wurzeln als die abendländische Kirchenmusik hat. Die
moderne Rockmusik etwa besitzt diese im letzten in der afrikanischen
Stammesmusik. Diese ist größtenteils auf die evocatio ausgerichtet, die
Beschwörung von Göttern oder Dämonen, christliche Kirchenmusik auf die
adoratio, die Anbetung Gottes. Aber auch in unserer Zeit, wo die Anfänge der
modernen Popmusik kaum mehr im Bewusstsein der Massen sein dürften, besitzt sie
eine andere Ausrichtung: Durch ihre eigenen musikalischen Ausdrucksformen, ihre
schnellen Rhythmen, aber auch ihre Texte will die moderne Unterhaltungsmusik
Zerstreuung und Ablenkung bieten, sie will Geschichten des alltäglichen Lebens,
von Liebe und Leidenschaft, von Freude und Kummer erzählen, sie will je nachdem
auch Protest ausdrücken oder einfach nur als Musik zum Tanz auffordern. Pop-
und Rockmusik sind mit ihren musikalischen Ausdrucksformen naturgemäß nicht auf
das Ewige ausgerichtet, was ja auch gar nicht ihr eigener Anspruch ist, sondern
mehr auf den Augenblick, auf eine gewisse Gefälligkeit, auf eine unmittelbare
Eingängigkeit. Wohlgemerkt: Diese Musik besitzt zweifelsohne ihre Berechtigung
im Leben der Menschen, das steht außer Frage; sie sollte jedoch nicht mit
Schlagzeug, E-Gitarre und hämmernden Rhythmen in den heiligen Raum eindringen.
Machen wir die Probe auf Exempel: Nur sehr wenige würden wohl auf die Idee
kommen, auf einer Geburtstagsparty durchgängig Gregorianischen Choral oder
Palestrina erklingen zu lassen. Wenn im Fernsehen übrigens unsere schönen Dome,
Kirchen und Klöster vorgestellt werden, hört man im Hintergrund sehr oft
Gregorianik oder klassische Vokalpolyphonie. Dies ist eine ganz natürliche und
nahe liegende Assoziation.
6. Für die Kirchenmusik ergibt sich heute
eine zweifache Aufgabe: Zum einen muss der große thesaurus musicae sacrae
intensiv gepflegt werden, was wiederum auch das Zweite Vatikanische Konzil in
SC 114 betont:
Der Schatz der Kirchenmusik möge mit größter Sorge bewahrt und gepflegt
werden. Die Sängerchöre sollen nachdrücklich gefördert werden, besonders an den
Kathedralkirchen. Dabei mögen aber die Bischöfe und die übrigen Seelsorger
eifrig dafür Sorge tragen, daß in jeder liturgischen Feier mit Gesang die
gesamte Gemeinde der Gläubigen die ihr zukommende tätige Teilnahme auch zu
leisten vermag.
Doch ebenso muss diese großartige Tradition
in unserer Zeit lebendig und adäquat fortgeführt werden. Nicht nur zur
Bewahrung, sondern auch zur Weiterentwicklung ist die Kirchenmusik aufgerufen. Auch
unsere Zeit muss ohne jeden Zweifel einen würdigen Beitrag zur musica sacra
in all ihren Bereichen leisten. Kriterium jeglicher Neuschöpfung muss aber sein,
ob die beiden eingangs beschriebenen Intentionen der Kirchenmusik erfüllt sind,
die Verherrlichung und Anbetung Gottes und die Transzendierung des Menschen.
Hierzu dürfen nur wirklich geeignete Ausdrucksformen unserer Zeit Verwendung
finden, die jedoch die Gläubigen, denen die Eigenarten moderner Satztechnik
nicht vertraut sind, auch nicht verschrecken sollten. So wird man etwa auf eine
nicht zu extensive Verwendung von Dissonanzen achten müssen. Ebenso wird es
wichtig sein, die große Tradition des Kirchenliedes angemessen weiterzuführen.
Hierbei kommt es neben gediegener musikalischer Komposition auch auf Texte an,
die poetisch gehobenes Niveau besitzen. Um anzudeuten, welche Wege hier
beschritten werden sollten, sei stellvertretend zB. Jochen Klepper genannt. Als
kleines Hörbeispiel habe ich das berühmte Gedicht von Dietrich Bonhoeffer „Von
guten Mächten“ in der Vertonung von Otto Abel angeführt. Es ist kein Zufall,
dass die Melodie aus dem Jahre 1959, gleichsam also vom Vorabend der 60er Jahre stammt.
Denn in der evangelischen wie in der katholischen Kirche haben die 60er und
70er Jahre dazu geführt, dass viele Zeitgenossen mit „Neuem Geistlichen Lied“
nahezu ausschließlich Lieder im Sacro-Pop-Stil mit Schlagzeug und E-Bass verbinden,
eine Entwicklung, die es zu korrigieren gilt, ja mehr noch, ein schmerzender
Bruch, den es zu heilen gilt.
7. Fürst
Wladimir von Kiew hatte einst Gesandte zu den Deutschen, Polen, Griechen und
Bulgaren mit der Prüfung beauftragt, welche Religion am besten für sein Reich
sei. Als
diese aus Konstantinopel zurückkamen, waren sie überwältigt von der Erhabenheit
und Schönheit der Liturgie, die sie in der Hagia Sophia erlebten, so dass sie
verwundert fragten, ob sie noch auf Erden oder schon im Himmel seien. Größeren
Glanz könne man auf Erden unmöglich finden. Fürst Wladimir entschied sich
daraufhin für die byzantinische Kirche und ließ sich im Jahre 988 taufen. Die
Schönheit der Transzendenz bereits ahnungsweise in dieser Welt erfahrbar zu
machen, ist eine grundlegende Aufgabe der Kirchenmusik. Wo übrigens hätten sich
die Gesandten aus Kiew wohl gewähnt, wenn sie an einem Gottesdienst mit Pop-,
Rock- oder gar Technomusik teilgenommen hätten?
Ein faszinierendes
Beispiel hoher Improvisationskunst. Michel Chapuis improvisiert hier im
"stylus phantasticus" des norddeutschen Barocks in der Tradition
Buxtehudes, Lübecks, Böhms. Toccatenartige Passagen mit schnellen, virtuosen
Läufen lösen sich mit fugierten Abschnitten ab. Es fallen einem
unwillkürlich die Worte des greisen Jan Adam Reincken ein, die er an Johann Sebastian
Bach richtete, als er diesen über den Choral „An Wasserflüssen Babylon“
improvisieren hörte; „Ich dachte, diese Kunstwäre ausgestorben. Ich sehe aber,
dass sie in Ihnen noch lebt“.
P.S.: Die
Improvisation beginnt 00:40. Zuvor werden Bilder der Kirche Saint-Louis en l'Ile in Paris gezeigt.
Im
vorliegenden Beispiel wechselt sich jeweils eine polyphone Bearbeitung, der
jeweils der gregorianische Cantus firmus zugrunde liegt, mit einer
gregorianisch gesungenen Strophe ab. Das gregorianische "Veni creator
spiritus" zu Beginn dient gleichsam als Intonation, vergleichbar dem vom
Zelebranten intonierten "Gloria in excelsis Deo", dem auch ein
polyphoner Satz folgen kann.
Es
handelt sich um einen der bekanntesten Hymnen der Lateinischen Liturgie.
Gemeinhin schreibt man ihn Rabanus Maurus (780-856) zu. Er dient als Hymnus der
Pfingstvesper und wird auch bei Weihen etc. gesungen. Im deutschen Kirchenlied
ist er die textliche Grundlage für "Komm, Schöpfer Geist".
In feierlichen
Papstmessen wird das Evangelium sowohl Lateinisch als auch Griechisch gesungen.
Dieser Brauch, der schon in den Ordines Romani bezeugt ist, dürfte aus der Zeit
stammen, in der es in Rom eine nicht kleine griechischsprachige Gemeinde gab.
Heutzutage ist dieser Brauch ein Symbol dafür, dass die Botschaft des
Evangeliums bis an alle Enden der Erde gelangt. Latein und Griechisch sind die
beiden wichtigsten Weltsprachen der Kaiserzeit und Spätantike und symbolisieren
Ost und West. Zum anderen kann man es auch als Symbol für die große Nähe von
römischer und byzantinischer Kirche sehen, die trotz vieler Spannungen in der
Geschichte auch und vielleicht gerade heute besteht und auch so von immer mehr
Vertretern der Kirchen empfunden wird. Schließlich ist der Dialog mit den
Ostkirchen ein großes und wichtiges Anliegen unseres Papstes.
Beginnen wollen wir unsere kleine
Sprachgeschichte heute mit der griechischen Sprache als der
Originalsprache des NT, weshalb ihr in der christlichen Tradition eine besondere
Dignität zukommt. Das Griechische ist mit dem Lateinischen zusammen die wichtigste Kultursprache des antiken Europas und beide Sprachen sind für eine intensive Auseinandersetzung mit europäischer Kultur und Geistesgeschichte unabdingbare Voraussetzungen.
Die frühesten Sprachzeugnisse des Griechischen
stammen aus Mykenischer Zeit, gehören also dem 14. – 12. Jh. v. Chr. Diese sind
in einer Silbenschrift verfasst, die auch als Linear B bekannt ist. Sie wurde
erst im 20. Jh. entziffert. Die charakteristische Schrift der Griechen, die sie
bis auf den heutigen Tag verwenden, verdankt sich der Übernahme und Adaptation des
phönizischen Alphabets gegen 800 v. Chr. Nun steht einer Herausbildung der
großen klassischen Literatur nichts mehr entgegen. Die führende Stadt ist
hierbei im 5. und 4. Jh. Athen, so dass das attische Griechisch eine besondere
Bedeutung erhält. Stellvertretend seien hier Namen wie Thukydides, Platon, Xenophon
und Aristophanes genannt.
Beim Griechischen des NT handelt es sich allerdings
nicht um das klassische Griechisch, sondern das sog. Koine-Griechisch (=
Gemeinsprache), das durch die Feldzüge Alexanders des Großen und die gewaltige
Ausbreitung griechischer Kultur entstanden ist. Die verschiedenen Dialekte des
Griechischen (Attisch, Jonisch, Dorisch etc.) werden zu einer einzigen Sprachform
vereinigt, wobei das Attische gewissermaßen die Funktion einer „Leitsprache“ übernimmt.
Griechisch wurde im Hellenismus zu einer
Weltsprache im Sinne einer Verkehrs- und Standardsprache, die von Südfrankreich
(griechische Kolonien waren dort zB. Nizza und Marseille) bis nach Indien und
ins heutige Afghanistan gesprochen wurde. Im römischen Reich, das die
hellenistischen Diadochenreiche ablöste (Diadochen sind die Nachfolger Alexanders
des Großen), waren viele gebildete Römer zweisprachig. Kaiser Marc Aurel
schreibt seine „Selbstbetrachtungen“ nicht lateinisch, sondern griechisch,
vermutlich in dem Empfinden, dies sei die der Philosophie angemessene Sprache. Ab
dem 4. Jh. geht die Zweisprachigkeit Im Westen immer mehr zurück. Augustinus
zB. berichtet in seinen Confessiones, wie mühsam er die griechische
Sprache erlernte. Personen wie der große Philosoph und Staatsmann Boethius, der
als Lateiner im 6. Jh. hervorragend Griechisch beherrschte, sind in dieser Zeit
schon große Ausnahmen.
Anders sieht die Situation im Osten des
römischen Reiches aus. Das Lateinische hatte sich hier nie wirklich durchsetzen
können, so dass es nicht verwunderlich ist, dass die Umgangssprache im Byzantinischen
Reich das Griechische war. Die Verwaltungs- und Rechtssprache ist zwar bis Kaiser
Justinian Lateinisch, aber die lingua franca des Ostens war schon immer
das Griechische. Die Schriftsteller hatten sich etwa seit dem 1. Jh. v Chr. von
der Koine abgewendet und dem Vorbild der klassischen attischen Autoren des 5. /
4. vorchristlichen Jahrhunderts zugewendet. Man nennt dies auch „Attizismus“.
Wer etwas auf sich hielt, schrieb so wie Xenophon. Diese attizistische Tendenz
wird auch im Byzantinischen Reich gepflegt, so dass immer mehr eine Diglossie,
d. h. ein Auseinandertreten von gesprochener Volks- und Schriftsprache eintritt,
die für die griechische Sprache charakteristisch bleiben sollte.
Nach der türkischen Eroberung Griechenlands
und Konstantinopels (1453) halten die Griechen an ihrer Sprache fest, nehmen
aber viele Lehnworte aus dem Türkischen auf. Nach dem Ende der türkischen
Herrschaft 1823 gibt es Bestrebungen, zur klassischen Sprache der Antike
zurückzukehren. Allerdings wählt man als Schriftsprache eine dem antiken Griechisch
nahestehende Sprachform, die allerdings nicht völlig identisch mit diesem ist.
Man bezeichnet sie als die „Reinsprache“ (Kathareuousa) gegenüber der „Volkssprache“
(Demotike). Erstere ist die offizielle Sprache Griechenlands gewesen und wurde obligatorisch
im Bildungs- und Rechtswesen verwendet. Erst 1976 wurde in Griechenland die
Vorherrschaft der Kathareuousa zugunsten der Volkssprache aufgegeben. Neben
einer noch heute in Kathareuousa erscheinenden Zeitung (Hestia) pflegt die orthodoxe
Kirche in ihren offiziellen Verlautbarungen die alte Hochsprache.
In ihrer Liturgie verwendet sie weder Kathareuousa noch Demotike,
sondern die alte Koine, so dass man mit guten Griechisch-Kenntnissen eigentlich alles
verstehen kann, wenn auch nicht vom Hören, so denn doch mit Textvorlage. Denn
die Aussprache ist auch in der Liturgie die neugriechische, die sich von unserer Aussprache
an Schulen und Universitäten beträchtlich unterscheidet.
Abschließend noch die kleine Textprobe Apg 2, 1-4: